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last update 27 July 2011

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Ergebnisse der Kontrollreise Thua Thien Hue, Februar 2011

Gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes in Vietnam wurden wir in der Abteilung Internationale Beziehungen der Provinzregierung empfangen. Es gab einige Unstimmigkeiten zu unserer Arbeitserlaubnis in Vietnam. Der Leiter der Abteilung schlug vor, dass wir von einer Mitarbeiterin seiner Abteilung bei unseren Kontrollbesuchen in den Dörfern die ganze Zeit begleitet werden sollten. Nach einer Woche stellte sie allerdings die Begleitung ein und blieb im Büro.

Vietnam ist in einer schwierigen Phase seiner Entwicklung. Die vietnamesische Regierung konzentriert sich auch auf die Überwindung der Armut in den ländlichen Regionen. Die Lage für den armen Teil der Bevölkerung wird immer schwieriger. Die Inflationsrate wird mit mehr als 12% angegeben. Als ich dort war, wurden die Preise für Treibstoffe um mehr als 10% angehoben. Ich war außerdem erstaunt, dass der Zugang zu Facebook in Vietnam blockiert war.

Die Projektgemeinden im Einzelnen

In Huong Ho hatten von 15 Frauen, die 2010 ins Projekt kamen, nur zwei Schweine im Stall. Vor Tet verkauften fast alle Frauen ihre Tiere, weil sie um diese Zeit mehr Geld einbringen. Nun warten sie auf besseres und wärmeres Wetter, um neue Ferkel kaufen zu können. Unsere Vertreterin wird sie im Auge behalten, damit alle Frauen wieder Ferkel einstellen.

In Huong Tho gab Frau Lanh, die Vorsitzende der Frauenunion im Ort, einen kurzen Überblick. Seit 2006 erhielten insgesamt 45 Haushalte Hilfe von Courage. Eine Frau ist gestorben und 19 Frauen zogen es vor, in der neu eröffneten Zuckerfabrik zu arbeiten, weil sie dort ein höheres, regelmäßiges Gehalt erwarten. 25 sind noch aktiv dabei und arbeiten teilweise recht professionell und mit entsprechend guten Ergebnissen. Die allerersten, die 2006 Hilfe von Courage erhielten, bilden eine Gruppe, die sich gegenseitig unterstützt. Beispielsweise warten zwei Frauen auf die Ferkel, die die Muttersau von Frau Dong gerade geworfen hat.

In Thuy Bieu wurde um Verständnis dafür geworben, dass gegenwärtig 16 Frauen keine Schweine im Stall stehen haben, weil sie bei der kalten Jahreszeit kein Risiko eingehen wollten und alle vor Tet verkauft haben. Dem ist zuzustimmen. Aber in einem Monat soll Frau Hien prüfen, ob wirklich alle neu gekauft haben.

Es hat sich herum gesprochen, dass wir Bio-Gas-Anlagen fördern. Nun drängen die Verantwortlichen der Gemeinde darauf, dass Courage auch die Frauen in Thuy Bieu unterstützt und solche Anlagen baut. Wir mussten ihnen erst erklären, dass dazu bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen; u.a. müssen genügend Schweine im Stall stehen. Nach Meinung der Ortsvorsitzenden der Frauenunion sollten wenigstens die vier Frauen, die jetzt noch Tiere im Stall haben, eine Anlage bekommen. Nachdem wir alle vier besucht hatten, wurde festgelegt: Nur eine, nämlich Mrs. Hien, erhält sofort eine Biogas-Anlage. Die anderen müssen erst noch die Voraussetzungen schaffen und einige Bedingungen erfüllen.

Die Vorsitzende der Frauenunion in Binh Thanh, Frau Thuy, gab zunächst kurz einen Überblick. Insgesamt wurden 55 Haushalte in den Jahren 2009 und 2010 unterstützt. Nur fünf Frauen sind wegen Krankheit und den Folgen des schlechten Wetters ausgestiegen. In der Gemeinde wurden von Courage 7 Biogas-Anlagen eingerichtet. Die Vorsitzende der Frauenunion bedankte sich ausdrücklich bei mir, weil wir ihr mit unserem Engagement auch ihr geholfen haben. Sie konnte dank uns gleichfalls gute Ergebnisse in ihrer Arbeit aufweisen, die von offizieller Seite gebührend gewürdigt worden sind.

In ihrem Verantwortungsbereich leben noch weit mehr Frauen in schwierigen Lebensverhältnissen. Sie wäre dankbar, wenn wir in den kommenden Jahren weiter Unterstützung geben könnten. Letzteres wurde von meiner Seite bejaht und auf Frau Hien verwiesen, die einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten soll. Zum heutigen Zeitpunkt sind bereits die 15 Frauen ausgewählt und zu einer ersten Versammlung einberufen.

In Loc Thuy wurde nach kurzen einleitenden allgemeinen Floskeln Klartext gesprochen. Unsererseits wurde die gute Zusammenarbeit hervorgehoben. Von 39 Frauen, die unsere Hilfe erhalten haben, sind fünf weggezogen. 30 sind noch dabei, d.h. nur vier haben aufgegeben. Frau Hien hob hervor, dass sie die Aufgabe, den Frauen auf die Beine zu helfen, sehr ernst nehme. Z.B. haben alle als arm geführte Frauen zu Tet ein Geschenk von 30 kg Reis und 400.000,- VND als jährlichen Beitrag zu einer Krankenversicherung bekommen. Das ist ein absolutes Novum.

In der Gemeinde gäbe es viele schwierige Probleme. Einerseits liegen einige Grundstücke so tief in der Ebene, dass sie bei der jährlichen Flut unter Wasser gesetzt werden. Andererseits gibt es am Fuße der Hügel im Hochsommer nicht genug Wasser.

Von unserer Seite wurde hervorgehoben, dass es um die Hilfe für die Frauen geht; egal ob mit Schweinen oder mit Ziegen, die sich am Fuße der Berge besonders eignen. Der stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde erklärte, dass in nächster Zeit ein Treffen mit den Frauen stattfindet und sie befragt werden, was sie sich wünschen.

In der Gemeinde Quang Thai haben wir nur vier Frauen besucht und vor allem Fotos gemacht. Die Unterstützung der Frauenunion ist vergleichsweise gering. Die bisherige Vorsitzende ist in Pension gegangen und es ist zu hoffen, dass sich die neue stärker einsetzt. Da der stellvertretende Vorsitzende des Gemeinderates angewiesen hatte, dass uns außer der Vertreterin der örtlichen Frauenunion noch ein Staatssicherheitsmitarbeiter sowie ein Veterinärmediziner zu begleiten haben, reduzierte sich mein Interesse an den Kontrollbesuchen sehr stark. An ein Gespräch zu persönlichen Problemen war nicht zu denken. Aber genau das brauche ich, um daraus Artikel zu machen, die zur Veröffentlichung taugen.

Muttersau
Die Muttersau
Frau Van Thi Hui

Die Kommune Quang Thai liegt ca. 40 km von Hue entfernt zwischen Lagune und Sanddünen. Der Boden ist wenig ergiebig. Entsprechend groß ist die Armut. Groß ist auch die Anzahl der alleinstehenden, Hilfe bedürftigen Frauen.
Frau Van Thi Hui ist 60 Jahre alt. Der mit ihr lebende Sohn (30 Jahre) ist geistig behindert. Ihre Jugend fiel in die Zeit des Vietnamkrieges. In diesem Gebiet haben während und nach der Tet-Offensive heftige Kämpfe getobt.

Seit 2007 arbeitet Courage in dieser Kommune und hat bislang 30 Frauen erfolgreich geholfen, die Armut zu überwinden.

Garten_1
Der Garten wird zum Futteranbau genutzt

Frau Van Thi Hui hat letztes Jahr eine Ausbildung absolviert, den Schweinestall gebaut und drei Ferkel (dazu etwas Kraftfutter für die Übergangszeit) erhalten. Sie hat zwei Tiere groß gezogen und vor dem buddhistischen Neujahrsfest günstig verkauft und eine Sau im Stall belassen. Durch die Ferkel hat sie sich eine zusätzliche Einnahmequelle erschlossen. Sie braucht die Ferkel für die Aufzucht zudem nicht kaufen.

Ihren Garten hat sie umgestaltet und nutzt ihn nun zum Anbau von Futterpflanzen. Die anfallende Schweinegülle nutzt sie zur Düngung von Tabakpflanzen.

 Garten 2
Ein ordentlich gepflegter Garten spricht
für die alleinstehende Frau!

Um sie besuchen zu können, war eine Anmeldung bei der örtlichen Frauenunion erforderlich. Denn um die Ansiedlung der Frauen in diesem unübersichtlichen Dorf ohne jedes Straßenschild zu finden, brauchten wir unbedingt die fremde Hilfe.

Als die Courage-Mitarbeiter im März 2011 nach Quang Thai kamen, warteten schon der Stellvertreter des Gemeinderatsvorsitzenden und die stellvertretende Vorsitzende der Frauenunion. Nach dem unerlässlichen Smalltalk entschied der stellvertretend Gemeinderatsvorsitzende, dass uns nicht nur die Mitarbeiterin der Frauenunion begleiten solle, sondern auch ein offizieller Vertreter der Staatssicherheit sowie der örtliche Veterinärmediziner. Widerspruch war zwecklos. Es half auch nichts, dass wir von der Provinzregierung avisiert und außerdem nicht das erste Mal in der Gemeinde waren.

Offizieller
Die Mimik des Veterninärs ist typisch

Der Gesichtsausdruck des männlichen "Offiziellen" war typisch. Was kümmern sie die Courage-Leute mit ihrem kleinen Etat und die Sorgen der alten Frau, die auf dem Grundstück lebt. Der Missmut spricht dem Veterinär deutlich aus dem Gesicht. Er hat versucht, die Sache so schnell wie möglich durchzuziehen und abzuhaken.

Das Beispiel zeigt auch, dass es nicht immer einfach ist, die Hilfe für die bedürftigen Frauen zu organisieren. Vieles hängt von den handelnden Personen und deren Durchsetzungsvermögen ab. In der Kommune Binh Thanh läuft es besser. Dort setzt sich die Vorsitzende der Frauenunion durch. Sie organisiert die Hilfe für die bedürftigen Frauen und ist froh, dass Courage e.V. sie dabei unterstützt.

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Frau Hanh

Saustall
Frau Hanh hat als 10jähriges Mädchen die Hand in einer Häckselmaschine verloren. Sie nahm an, dass sie keinen Mann mehr bekommen würde. Rechtzeitig hat sie sich umgesehen, einen Mann gefunden und wurde schwanger. Danach hat sie den Vater fort gejagt. Er versucht heute, den Kontakt zu seinen Zwillingstöchtern zu bekommen, was sie allerdings nicht erlaubt. Sie will unabhängig bleiben und ihr Leben selbst bestimmen können.

Seit 2007 ist sie im Projekt und hat sich ganz der Schweinezucht verschrieben. Sie betreibt sie intensiv und erfolgreich. Unsere Anschubfinanzierung hat dafür ausgereicht, ihr ein ständiges Einkommen zu sichern. Es geht mit ihr beständig aufwärts. Ihr altes Haus hat sie zum Teil abgerissen und sich einen kleinen Anbau geleistet.

alteshaus neueshaus
Alt- und Neubau

Gespraech
Unsere Mitarbeiterin in Hue (rechts) nutzt
jede Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.
Sie steht überall im Stoff und wird akzeptiert.
Die Wiedersehensfreude war ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr machte es nichts aus, dass eine große Delegation auf ihrem Anwesen unverhofft auftauchte.

Ihren Zwillingstöchtern, die nun 15 Jahre alt sind, geht es gut. Sie würden schon nach den Jungs schielen. Alle drei schlafen nach wie vor in einem Bett.

Sie hat zwei Muttersauen im Stall. Vom letzten Wurf sind allerdings sechs Ferkel wegen der kalten Witterung gestorben. Sie hat reichlich Stroh eingestreut, um den Tieren einen wärmende Umgebung zu bieten. Die Rückwand vom Stall ist bewusst offen gelassen worden; es ist der Platz, wo die Sau koten kann, ohne dass das Stroh nass und schmutzig wird.


Schlussfolgerungen

Die Projektidee erweist sich als erfolgreich. Wir unterscheiden uns von vergleichbaren Projekten anderer NGO dadurch, dass unser Bewertungskriterium nicht die durchgeführte Aktion sondern das für die Frauen konkret messbare finanzielle Ergebnis ist. In Loc Thuy wurden in mehreren Jahren insgesamt 9.000,- € investiert. Allein im Jahre 2010 haben die beteiligten Frauen daraus einen Gewinn von 12.000,- € gezogen, ohne dass Courage e.V. einen Cent ausgeben musste. Wenn keine Tierseuche dazwischen kommt, kann sich das ohne weitere finanzielle Unterstützung über mehrere Jahre so fortsetzen. Damit ist exakt das erreicht, was wir bei der Gründung des Vereins angestrebt haben: Hilfe zur Selbsthilfe und Nachhaltigkeit.

Die Errichtung von Biogas-Anlagen hat mehrere positive Aspekte: Die Umwelt wird dadurch geschont, dass kein wertvolles Holz mehr verfeuert und eine Belastung des Trinkwassers verhindert wird. Es ist schon ein großer Unterschied im Komfort, ob man erst mühsam eine Flamme für das Reisig-Feuer entfachen oder nur die Flamme anzünden muss. Bei den im Augenblick häufiger werdenden Stromabschaltungen und bei den steigenden Strompreisen ist eine Gasleuchte eine preisgünstige Alternative.

Bei den jährlichen Besuchen fallen die Unterschiede in den allgemeinen Lebensumständen besonders ins Auge. Es geht in kleinen Schritten mit den Frauen aufwärts. Erst sind es Kleinigkeiten wie ein neuer Tisch, ein Kühlschrank oder ein neues Bett. Mehrere haben nun für das Geld ein neues, steinernes Haus bauen lassen. Die Gemeinde hat dafür ein Programm und unterstützt die Frauen mit einem Zuschuss von 6.000.000,- bis 10.000.000,- VND (ungefähr 240,- bis 400,- €).

In absehbarer Zeit hat Vietnam mit Entwicklungsschwierigkeiten zu kämpfen; ökonomischen wie politischen. Für uns ist relevant, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer werden wird und die alleinstehenden Frauen unsere Hilfe noch längere Zeit brauchen werden.

Zum Schluss sei unserer Vertreterin vor Ort gedankt. Sie ist diejenige, die mit großem persönlichem Einsatz unsere Vorstellungen in die Realität umsetzt. Sie hat ein Herz für die vom Leben benachteiligten Frauen und war energischer Fürsprecher gegenüber dem Vorstand, wenn es um Hilfe für Einzelfälle ging.

Gerd Willkommen
Vorsitzender Courage e.V.


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