English Version
English Version
   

letzte Aktualisierung 10.01.2008

[Fenster schließen]


Über die Ergebnisse der Kontrollreise in die Provinz Thua Thien Hue im März 2007

Vom 24. Februar bis 15. März 2007 wurde vom Autor eine Kontrollreise nach Vietnam in die Provinz Hue unternommen. Die Repräsentantin von Courage e.V. in Hue, Frau Ton Nu Thi Hien, nahm an allen Kontrollen, Besuchen und Veranstaltung mit vietnamesischen Partnern teil. Sie dolmetschte die gesamte Zeit.

Der Auftrag der Reise bestand darin:

  • die bisherigen Aktivitäten auf ihre Effektivität zu prüfen und
  • für die Fortführung des Projektes eventuell neue Formen der Hilfe zur Selbsthilfe zu finden
Dabei wurden folgende Maßnahmen realisiert:

  1. Besuch fast aller Frauen in den Kommunen Huong Tho und Quang Thai, die am Programm teilgenommen haben
  2. Meeting mit dem Leiter der Abteilung Internationale Verbindung, mit dem die bisherige Arbeit ausgewertet wurde.
  3. Meeting und Diskussion zum Projektverlauf mit den Vertreterinnen der Frauenunion im Distrikt Huong Tra sowie in drei Kommunen (Huong Tho, Huong Ho und Quang Thai)
  4. Treffen mit Vertretern anderer ausländischer Hilfsorganisationen in Hue, die ähnliche Projekte organisieren, um deren Erfahrungen einzuholen.
  5. Eröffnung eines Bankkontos für Courage e.V. in Hue
  6. Übergabe von Spielzeug, gesammelt vom Ehepaar Franke an den von uns finanzierten neuen Kindergarten in Quang Phuoc

  7. Kontrolle der von Courage unterstützen Schüler in Huong Tho
  8. Auswahl von Schülern und damit Vorbereitung für deutsche Ehepaare in bzw. bei Wolgast und in Langen sowie für ein schweizer Ehepaar in Canada. Diese möchten eine Patenschaft für je eine/n Schüler/in in Vietnam übernehmen.
  9. Wahrnahme eines Termins in der deutschen Botschaft in Hanoi
nach oben



Resultate der Frauenprojekte in Huong Tho und Quang Thai
Die Ergebnisse sind insgesamt positiv. Courage startete in der Gemeinde Huong Tho. In der ersten Frauengruppe wurde bereits das von Courage eingesetzte Kapital (u.a. für Ausbildung, den Bau der Ställe, den Kauf und Transport der Ferkel) durch den Verkauf der groß gezogenen Tiere erwirtschaftet. Von nun an trägt sich das Projekt de facto selbst.

Die Ergebnisse im Einzelnen:
Im April 2006 wurden den ersten acht Frauen je drei Ferkel übergeben. Davon starben drei in den ersten Wochen (12,5%). Die anderen wurden groß gezogen und verkauft. Vom Erlös wurden wieder neue Ferkel gekauft. Bis Mitte Februar 2007 wurden so insgesamt 39 Schweine verkauft. Das entspricht einer Summe ca. 1.800 Euro! Gegenwärtig stehen bei sechs Frauen wieder 12 Läufer in den Ställen. Zwei Frauen haben aufgegeben. Die anderen wollen unbedingt weiter machen.
Bei der zweiten Gruppe, die im September die Ferkel bekam, sind noch alle acht Frauen dabei. Gestorben sind wiederum drei Ferkel. Frau Hong Nhung hat nur ein gemästetes Schwein weggegeben und dafür drei neue Ferkel gekauft. Sie hat jetzt fünf im Stall und will auf jeden Fall eine Zucht anfangen. Das ist ein überzeugendes Beispiel dafür, daß es uns gelungen ist, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln und umzusetzen. Die anderen haben ihre drei Schweine groß gezogen und vor dem vietnamesischen Neujahrsfest gut verkaufen können. Vom Erlös haben sie allerdings nur zwei neue Ferkel gekauft1 (Erläuterung siehe unten!).
nach oben

Der dritten und größten Gruppe wurde Ende Dezember an einem kalten, stürmischen Regentag von der Zuchtanlage die Ferkel übergeben. Trotz vorheriger Impfung und der Beigabe von Kraftfutter starben 17,5% der Ferkel. Für die betroffenen Frauen ist das ein herber Verlust, den sie selber nicht ausgleichen können. Da hierbei die Schuld nicht die Frauen trifft und wenn wirklich alle Ferkel gestorben sind, ist zu überlegen, ob diesen Frauen der Verlust ersetzt werden sollte. Allerdings erst nach nochmaliger Prüfung durch Frau Ton Nu Thi Hien.
Während die Frauen in der Kommune Huong Tho (bis auf eine Ausnahme) das Risiko scheuen, Zucht zu betreiben, und lieber neue Ferkel kauften, setzten die Frauen in der Kommune Quang Thai alles daran, eine eigne Schweinezucht zu beginnen. In Huong Tho sind sie der Meinung, dass die Zucht mit einem zu großen Risiko verbunden ist. In der anderen Kommune gab es bereits andere Familien, die erfolgreich gezüchtet hatten.
Hauptproblem für viele ist die Futterbeschaffung und Aufbereitung. So entschieden sich 95 % der Frauen, beim zweiten oder dritten Mal nur zwei Ferkel zu kaufen. Das ist für sie machbar und bringt dennoch Profit.
Das schwerwiegendere Problem ist die relativ hohe Sterblichkeit der Ferkel in den ersten Wochen nach Auslieferung. Die Umstellung auf die andere Ernährung als in der Zuchtanlage in Ai Tu auf den Haushalt der armen Frauen ist eine Ursache, schlechtes Wetter eine andere. Courage übergibt deshalb den Frauen 30 kg Kraftfutter, um den Übergang zu erleichtern. Am Wetter läßt sich nichts ändern, weil der Auslieferungstermin lange vorher vereinbart werden muss.
nach oben


Kontrolle der Patenschaft für vier Schüler in Huong Tho und einer Schülerin in der Huong Thuy Kommune
Beim Besuch in den Hütten der Kinder, denen wir das Schulgeld bezahlen, wurde festgestellt, dass die Schule dennoch das Schulgeld von den Müttern abverlangt hat. Zumindest eine von ihnen hat auch bezahlt (weil sie aufgrund der Teilnahme am Ferkelprojekt auch konnte.) Gerd Willkommen und Frau Hien wurden daraufhin beim Direktor der Mittelschule in Huong Tho vorstellig und zeigten ihm die Empfangbestätigung, die er selber ausgestellt hatte, als ihm letztes Jahr das Geld übergeben worden war. Er ließ daraufhin die Listen bringen, aus denen zu ersehen war, wer bezahlt hatte und wer nicht. Er entschuldigte sich für den Irrtum und versprach, der Frau die Summe zurückzugeben. Er war sichtlich verärgert über die Nachlässigkeit seiner Stellvertreterin, die bei den vier Schülern den Eingang unserer Finanzen nicht vermerkt hatte.
Mit Nguyen Hoai Phuong, 15 Jahre, besteht eine höherwertige Patenschaft, die Frau Schreiber übernommen hat. Für sie wird nicht nur das Schulgeld sondern auch das außerschulische Lernen in vier Fächern sowie alle anderen mit dem Schulbesuch verbundenen Kosten bezahlt2 (Erläuterung siehe unten!).
nach oben

Recherche im Zusammenhang mit der Projekterweiterung
Vorgesehen ist, mit Fördergeldern das Projekt zu erweitern und einen Fond zu eröffnen, aus dem dann Kredite für erfolgversprechende Geschäftsideen ausgereicht werden können. Die Rückzahlung erfolgt in den Fond ohne Zinsen. Wir möchten zumindest eine teilweise Rückzahlung erreichen, da damit das Verantwortungsgefühl gestärkt werden kann. Zu diesem Thema habe ich einige Experten anderen NGO befragt.
  • Eine 100%ige Rückzahlung verlangt niemand, da es die Frauen überfordert und sie abhält auf den Projektvorschlag überhaupt einzugehen. Die Rate liegt zwischen 50 und 10% innerhalb von drei Jahren. Sie ist abhängig von der Geschäftsidee.
  • Die Vertreterin einer seit Jahren in Hue tätigen finnischen Organisation, die Kredite zur Entwicklung auf dem Lande vergibt, erklärte, dass ihre Regierung beschlossen habe, keine NGO mehr mit Fördergeldern für Kleinkredite auszustatten. Nur noch Banken erhalten die Unterstützung.
  • Die deutsche Organisation SODI verlangt in der Provinz Nhe An für ein Pfefferprojekt ca. 1% Zinsen und den Beginn der Rückzahlung erst nach sieben Jahren; dann aber an den Projektpartner. Da wird niemand mehr überprüfen können, wie groß die Rückzahlrate ist.
  • Wenn wir in einem Dorf (Huong Tho) angefangen haben, Ferkel ohne Kreditrückzahlung zu übergeben, wird es schwer werden, von der nächsten Gruppe eine Teilrückzahlung zu verlangen.
  • Von allen NGO-Vertretern wurde die Notwendigkeit, einen zuverlässigen Vertreter vor Ort zu haben, besonders hervorgehoben.
nach oben

Meeting mit dem Leiter der Abt. Internationale Beziehungen der Provinzregierung Thua Thien Hue
Am Anfang und am Ende des Aufenthaltes standen jeweils ein Treffen mit dem Abteilungsleiter, Herrn Chau Dinh Nguyen und Frau Ly. Der Autor trug seine Aufgaben während des Aufenthaltes vor und bat um Unterstützung. Der Abteilungsleiter unterzeichnete ein Schreiben, das den Autor autorisierte, von allen vietnamesischen Institutionen Unterstützung zu erlangen.
Am Ende wurde ein Entwurf für eine Projekterweiterung an Herrn Nguyen übergeben. Courage wurde ein Empfehlungsschreiben übergeben, das zur Vorlage bei deutschen Behörden verwenden werden kann.
nach oben

Vorstellung bei der deutschen Botschaft in Hanoi
Auf Bitten von Courage empfing der zuständige Botschaftssekretär, Herr Berns, den Autor zu einem Gespräch, bei dem die Arbeit von Courage in Vietnam vorgestellt werden konnte. Seinerseits gab Herr Berns Hinweise auf andere deutsche Organisationen, die in Vietnam tätig sind und deren Erfahrungen man auch seitens Courage nutzen könnte. Es wurde vereinbart, daß der Botschaft Berichte über die Arbeitsergebnisse in Hue zur Verfügung gestellt werden.
Weitere Verpflichtungen gehen von diesem Gespräch nicht aus.
nach oben

Übergabe des Spielzeuges an den Kindergarten in der Siedlung Phuoc Lam, Gemeinde Quang Phuoc
Es war der ausdrückliche Wunsch der Vertreter der Gemeinde, Spielzeug für den Kindergarten zu spenden. Gerd Willkommen konnte sich im Kindergarten selbst von der damals dürftigen Ausstattung überzeugen.
Das vom Ehepaar Franke mit einem Kraftakt gesammelte Spielzeug wurde an die Kindergärtnerin übergeben. Inzwischen ist der Kindergarten viel besser als beim letzten Besuch ausgestattet, so daß unsere Spende nicht mehr notwendig gewesen wäre, aber natürlich gern entgegen genommen wurde.
nach oben

Eröffnung eines Bankkontos für Courage in Hue
Für den Nachweis der Finanztransaktionen nach Vietnam erweist sich die Eröffnung eines Kontos für erforderlich. Allerdings bedarf es mehrerer notariell beglaubigter Dokumente, u.a. der Arbeitserlaubnis von Courage in Vietnam, die nur in Hanoi erhältlich ist, um ein Konto auf den Namen des Vereins zu eröffnen. Als
Übergangslösung wurde deshalb ein Konto eröffnet, auf das nur zwei Personen (Frau Hien und Gerd Willkommen) Zugriff haben.
nach oben

Die Repräsentantin von Courage in Hue
Unser Projekt steht und fällt mit dem Einsatz der vor Ort arbeitenden Vertreterin, Frau Ton Nu Thi Hien. Sie garantiert, daß unsere Spendengelder dorthin gelangen, wohin wir das wünschen; nämlich zu den bedürftigen allein stehenden Frauen.
Sie hat eine vorzügliche Arbeit geleistet. Letztlich muss sie vor Ort alle unsere Vorstellungen in die Praxis umsetzen. Meine ehemalige Dolmetscherin erhält für die gleiche Arbeit von der niederländischen Organisation SNV 650 USD pro Monat; andere NGO bezahlen zwischen 350 und 500 USD.
Das monatliche Salär für Frau Hien beträgt gegenwärtig 20 Euro. Da sie davon nicht leben kann, aber andererseits auch keiner geregelten Arbeit nachgehen kann, werden ihr vom Ehepaar Willkommen monatlich 80 Euro aus privater Tasche übergeben. Als sie im Januar und Februar 2007 durchgängig in Danang arbeitete, kam die Arbeit für Courage zum Erliegen.
Es wird deshalb vorgeschlagen, hierzu eine andere Lösung zu beschließen.
nach oben

Anmerkung zur Situation der Frauen
Viele der allein stehenden Frauen sind mit ihren Kindern in Armut geraten, wenn ihre Ehemänner sie im wahren Sinne des Wortes sitzengelassen haben. Einige Gemeinden siedeln diese Haushalte dann am Rande der Dörfer an. Alimentenzahlung ist nicht üblich und auch schwierig realisierbar. Es ist die seltene Ausnahme, dass sich eine der Frauen an ein Gericht um Unterstützung wendet. Nur die Frauenunion kümmert sich um diese armen, allein stehenden Frauen und organisiert Hilfe. Auch Courage hat sich um die Zusammenarbeit mit der Frauenunion bemüht.
Die meisten Männer haben sich in die großen Städte des Südens abgesetzt, wo sie kaum auffindbar sind. Da die meisten nur Gelegenheitsarbeiten ausführen, beziehen sie offiziell kein Gehalt und können somit auch nicht zur Alimentenzahlung verpflichtet werden. Dass sich Väter ihrer Verpflichtung für ihre Kinder durch Untertauchen entziehen ist auch in Deutschland bekannt. Allerdings ist der Maßstab überhaupt nicht vergleichbar.
Zwei Erlebnisse sollen exemplarisch angeführt werden:
Der Gouverneur der Provinz Quang Tri, Herr Ky, erklärte dem Autor 1998 zwar augenzwinkernd aber dennoch in einem offiziellen Meeting, dass in Vietnam deshalb nicht so viele Frauen in führenden Position seien, weil diese mit jeder Geburt etwas von ihrem Verstand verlieren.
In der Gemeinde Quang Thai, wo wir 19 Frauen Hilfe gewährt haben, erklärte der Stellvertretende Gemeindevorsitzende im Rahmen eines offiziellen Besuches im März 2007 die hohe Zahl der alleinstehenden Frauen, gleichfalls schmunzelnd, damit, dass sie wahrscheinlich eine hohe Rate hässlicher Frauen hätten.
Solange solche Dinge in der Öffentlichkeit unwidersprochen möglich sind, solange wird sich die Situation der allein stehenden Frauen nicht wesentlich verbessern.
nach oben

Was ist zu tun?
Der Kauf von Ferkeln für Frauen auf dem Lande ist in Huong Tho und der Nachbarkommune Huong Ho in der bisherigen Form fortzuführen. Andere Geschäftsideen können unterstützt werden, wenn sie ausreichend geprüft sind und die Summe im gleichen finanziellen Rahmen liegt.
Es sollte gleichzeitig eine neues Projekt aufgelegt werden. das die Bildung eines Fonds beinhaltet, aus dem Kredite ausgereicht und in den die Rückzahlungen erfolgen. Hierfür sind staatliche Fördergelder oder die von Stiftungen einzuholen.
Es ist baldigst eine Mitgliederversammlung einzuberufen.

Gerd Willkommen
Vorsitzender von Courage e.V.
nach oben

Anmerkungen

  1. Zwei Frauen haben ihre Ferkel entgegen den Absprachen verkauft und wollen keine neuen mehr in den Stall stellen. Von ihnen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit einzufordern, ist kaum machbar. Ehrlichkeit ist für eine Frau, die um das nackte Überleben kämpfen muss, keine Kategorie, der sie sich verpflichtet fühlt. Nicht jede kann außerdem der Versuchung widerstehen, eine so große Summe, wie sie beim Verkauf von mehreren Schweinen zusammen kommt, nicht sofort auszugeben sondern zukunftsträchtig zu verwalten.
  2. Wenn jemand eine Geschäftsidee hat, die Erfolge zeigt, wird diese sehr oft aufgegriffen und einfach kopiert. Weswegen es beispeilsweise in Hanoi ganze Straßenzüge gibt, die das gleiche Gewerbe betreiben und auch die gleichen Produkte herstellen. Allerdings verdirbt diese Konkurrenz das Geschäft. Courage hat zum Beispiel einer gerade geschiedenen Frau geholfen, in einer Straße in Hue einen Friseurladen aufzumachen, der anfangs recht gut lief. Nach einem Jahr waren es bereits drei Friseurläden in derselben Straße und der Umsatz ging logischerweise zurück.
  3. In Vietnam erhalten die Lehrer ein vergleichsweise geringes Gehalt, das sie durch privaten Unterricht nach der Schule aufzubessern versuchen. Wer vorankommen und die Hochschule besuchen will, ist darauf angewiesen, außerhalb der Schule zu lernen, weil die Wissensvermittlung innerhalb der regulären Schulzeit nicht für die Aufnahmeprüfung an der Universität ausreicht.
nach oben